Paralyse durch Analyse

Nachdem man die Entscheidung getroffen hat, dass man etwas ändern will, lautet die nächste Frage: WIE?

Es gibt tausend Möglichkeiten, die alle ihre Vor- und Nachteile haben. Wir können sehr viel Zeit mit der Planung verbringen:

Ich möchte mit dem Laufen anfangen. Welche Kleidung benötige ich? Das alte Baumwoll-Shirt soll ja nicht so gut sein, besser Funktionskleidung, aber da kommt es ja auch auf das Wetter drauf an, mit kurzer Kleidung friere ich am Anfang, aber mit langer Kleidung schwitze ich später. Und die Schuhe sollen ja auch so wichtig sein, um Laufverletzungen zu vermeiden, aber der Markt ist riesig, soll ich lieber mehr Dämpfung und viel Sprengung wählen, brauche ich Stabilität im Schuh oder doch lieber einen Neutralschuh und führt eine hohe Sprengung nicht zu Problemen mit der Achillessehne? 

Und wie mache ich das überhaupt am besten, wie fange ich an, welche Länge sollte meine Route haben, welche Geschwindigkeit ist am besten – „Laufen ohne Schnaufen“ wegen der Fettstoffwechselzone oder mehr Tempo wegen Cardio? Wie wichtig ist die Herzfrequenz, muss ich diese eine Formel beachten oder stimmt es, dass die gar nicht stimmt?

Ist es besser, vor dem Frühstück auf nüchternen Magen zu laufen wegen der Fettverbrennung oder doch eher nach dem Frühstück, damit der Körper Energie hat und die Leistung nicht leidet? 

Sollte ich Gehpausen einplanen, um insgesamt mehr Laufen zu können oder ist das Schummeln und ich sollte am besten durchlaufen und jedes Mal meine Laufstrecke etwas verlängern?

Diese Gedankengänge können wir noch ewig so verfolgen und immer noch mehr Recherche betreiben, verschiedene Ansichten gegeneinander abwägen, tiefer und tiefer in die Materie einsteigen, Trainingspläne vergleichen, Podcasts hören und Bücher kaufen. Wir haben keinen Mangel an Informationen – wir haben einen Überfluss. Das führt nicht zu mehr Klarheit, sondern zu mehr Verwirrung. Wenn wir dann endlich eine Entscheidung getroffen haben, kommt jemand und sagt, „Neeeein, mach das bloß nicht, das ist ganz falsch!“. Das bringt uns nicht voran. Das lähmt.

Ein bisschen Recherche ist nicht verkehrt. Wir müssen nicht jeden einzelnen Fehler wiederholen, den tausend andere schon vor uns gemacht haben. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, irgendwann die Stopp-Taste zu drücken und einfach anzufangen. Denn egal, wie gut wir etwas machen, es geht immer noch besser. 

Wenn wir noch am Anfang stehen, brauchen wir keine besondere Ausrüstung. Hot Take: Wir brauchen keine teure Funktionskleidung, keine Smartwatch, keine App, und die Laufschuhe müssen einfach nur bequem sein.

Wir haben einen Körper, der uns alle nötigen Signale gibt und wir können lernen, diese Signale zu deuten. Lasst uns also unsere wertvolle Zeit nicht damit verplempern, noch mehr und noch mehr Informationen anzuhäufen – lasst uns rausgehen und einfach… laufen. 

Der Anfang ist immer das Schwerste (… jedes Mal)

Etwas Neues zu beginnen ist leicht – man muss es einfach nur machen. Aber danach langfristig dranzubleiben… das ist hart. Denn man muss es immer wieder machen und es hört nie auf. 

Wir können uns alle ein paar Wochen für eine Diät zusammenreißen und jeden Tag frisch kochen. Wir können uns ohne weiteres ein paar Monate lang ins Fitness-Studio zwingen. Solange der Entspannungskurs läuft, gehen wir da auch hin. 

Aber der Gedanke, das alles jetzt „für immer“ machen zu müssen, jagt den meisten von uns einen Schauer über den Rücken. Für immer ist ganz schön lang. Und irgendwann kommt der Punkt, da dürfte es auch gerne wieder vorbei sein. Da möchten wir wieder essen, was wir wollen. Da greifen wir erleichtert zur TK-Pizza, lassen das Fitti sausen und pfeifen auf die Entspannungsübungen, weil das Leben eben stressig ist und für mehr keine Energie da ist.

Und das ist in Ordnung. 

Zwar stimmt es, dass Regelmäßigkeit und Kontinuität wichtig, ja sogar unverzichtbar, sind. Aber das Leben ist unbeständig und wird uns zuverlässig früher oder später aus der Bahn werfen und dann gelten andere Prioritäten. Das muss nichts Gravierendes sein, eine schnöde Erkältung reicht schon aus.

Und dann ist es wichtig, wieder Reinfinden zu können – dann kann und muss man üben, denn es kann frustrierend sein, wenn der Trainingsfortschritt futsch ist und man sich denkt: jetzt ist es eh wurscht, jetzt habe ich schon keinen Sport gemacht, jetzt brauche ich den Salat auch nicht mehr zu essen. 

Aber so machen wir das nicht. Wir legen die Prioritäten fest und geben unser Bestes. Wir werden zum Stehaufmännchen – es gibt kein „scheitern“, auch wenn wir wackeln und umkippen. 

Indem wir die Stolpersteine von Anfang an mitdenken, können wir uns auf sie vorbereiten – und wenn sie auftauchen, wissen wir sofort, was zu tun ist. Wir machen uns also eine Liste mit dem, was wir erreichen wollen, den Schritten, die uns dorthin führen und den Hindernissen, die uns auf dem Weg begegnen. Was sagt zum Beispiel der innere Schweinehund und wie möchten wir ihm antworten? Wie können wir uns auf Tage vorbereiten, die besonders stressig sind und in denen die Zeit knapp ist? Was ist, wenn wir müde oder krank sind? 

Nicht alles ist vorhersehbar, aber vieles schon. Deshalb identifizieren wir die Dinge, die sehr wahrscheinlich eintreten werden und wenn es so weit ist, sind wir bestens vorbereitet.