Das Leben in den Zeiten der Corona II

Corona-II

Eine Ewigkeit ist vergangen in elf Tagen. Die Ereignisse haben sich mit Lichtgeschwindigkeit überschlagen, Shutdown, Ausgangssperre, Kontaktverbot, social distancing lauten die Vokabeln der Stunde, jemand hat die Pausetaste gedrückt, doch das Leben geht weiter.
Corona hat den Allmachtsphantasien des Menschen einen Stinkefinger gezeigt. Wir leben alle auf derselben Erde, ein Virus interessiert sich nicht für politische Scharaden, es verhandelt und verbündet sich nicht. Die ganze Zeit muss ich an Spezies 8472 denken, erinnert sich noch jemand?

Am Samstag war ich auf dem Wochenmarkt. Ich bewege mich nicht mehr unbeschwert draußen, jeder andere Mensch scheint eine potenzielle Gefahr. Ich taxiere entgegenkommende Fußgänger, als würden sie mir vielleicht gleich in den Hals beißen wollen. Schon von weitem schätze ich ein, sieht der krank aus? Grätscht er mir in den Weg? Freund oder Feind?
Viele wechseln vor mir die Straßenseite. Auch ich bin jetzt potenziell jemand, der anderen vielleicht gleich in den Hals beißen will. Man kann es nicht wissen. Sicher ist sicher. Mit meiner Statur wurde ich noch nie zuvor als Bedrohung wahrgenommen. Ein seltsames Gefühl. Fühlt sich so Ausgrenzung an?

Seit ich mich dabei erwischt habe, wie ich mir nach dem Einkauf mit den Händen im Gesicht herumgefummelt habe, bin ich zum Hypochonder geworden. Symptome, denen ich normalerweise keine Aufmerksamkeit schenke, türmen sich zu einer Angstwelle auf: da kratzt es im Hals, ich spüre einen Hustenreiz, der Puls geht hoch. Bittebittebitte, lass es kein Corona sein. Oder lass es lieber doch Corona sein, dann habe ich es hinter mir? Ich weiß nicht, was ich hoffen soll. Da ich mich nicht testen lassen kann, bleibt die Ungewissheit und die selbstverordnete Quarantäne. Wahrscheinlich übertrieben, aber wer weiß. Sicher ist sicher.

Ich schalte konsequent keine Fernsehsendungen mehr ein, in denen Nachrichten laufen könnten. Einmal die Tagesschau, das muss reichen, alles darüber hinaus macht mich verrückt. Unwissenheit kann ein Segen sein. So viel Zukunftspessimismus geistert durch die Medienlandschaft, vielleicht muss das alles diskutiert werden, aber eben nicht von mir.
Ich sehe mich allerdings auch außerstande, an der Gegenbewegung teilzunehmen: spread love! Singen und klatschen für Ärzte, Pfleger und Verkäufer und so. Vormittags lassen sie sich beschimpfen und abends beklatschen? Schwierig. Gut, dass ich im Hinterhaus wohne. Hier hört keiner, wenn ich nicht mitmache.

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